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Die Männer aus der Tango-Werkstatt

Eine Theke, eine Werkstatt, viele Motorräder. Und plötzlich Tango-Musik. Das ist das Ambiente der “Tangochicos” (Tango-Jungs). Eine Tango-Werkstatt in Mönchengladbach – nur für Männer.

Iwan (Betonung auf dem “a”) Harlan bittet hier jeden Montag um 19:30 Uhr zum Tanz. Iwan ist seit 2005 vom Tango infiziert. Er ist Musiker, Tango-Lehrer – und seit ein paar Monaten Gastgeber der Tangochicos. Auf der Website schreibt er:

Tango ist für mich die wunderbare Möglichkeit, mehr Mann zu werden, mehr Bewusstsein für die männliche Energie zu entwickeln. Wenn ich ehrlich bin, war ich vor dem Tangovirus noch mehr Junge als Mann.
Für mich ist ein Tangotanz authentisch, wenn diese Ur-Energien aufeinandertreffen und zur Musik in der Tangosprache kommunizieren.

Mann mit Mann, Frau mit Frau und die Königsdisziplin Mann mit Frau.

Ein ganzer Mann hat ein Bewusstsein für alle seine Aspekte: vom kleinen verspielten Jungen bis zum mächtigen Zauberer, vom Kämpfer bis zum Gentleman, vom Verletzten bis zum Verletzenden, und er kann im Leben und im Tanz damit spielen.

But – nobody is perfect!

Tangochicos
Die Fahrt von Köln nach Mönchengladbach ist staufrei. Ich bin eine halbe Stunde zu früh vor Ort. Ich suche den Eingang, der sich “zwischen Straße und Ballettschule” befinden soll.

Ich treffe Karl aus Euskirchen, der wie ich zum ersten Mal hier ist. Er hat früher einmal einen Tangoanfängerkurs gemacht und will jetzt testen, ob das noch einmal etwas für ihn ist.

Iwan kommt. Er lädt uns ins Innere der Tango-Werkstatt ein. Er bringt die Getränke mit, Wasser, Wein, Club-Mate. Für jede Flasche, die man trinkt, legt man 2 Euro in die Getränkekasse. Der Eintritt für “Workout” und Männer-Milonga ist nicht festgelegt. Jeder gibt, was ihm der Abend wert ist.

Die Werkstatt gehört Iwans Freund Gerhard Beck. Der Raum füllt sich. Vor der Theke gibt es eine gemütliche Couch und Sessel. Kronleuchter erhellen die Szene.

Manche haben eine längere Anfahrt hinter sich. Herne, Düsseldorf, Duisburg, Viersen, Aachen. Knapp ein Drittel stammt aus Mönchengladbach.

Blick in die Werkstatt

Die Stimmung ist gelassen und freundlich. Jeder begrüßt jeden. Nennt seinen Vornamen. Man kommt ins Gespräch. Vier Männer sind zum ersten Mal da, die anderen sind Stammgäste. Baggerfahrer, Landschaftsgärtner, Lehrer, Mediziner, Schreiner, Controller, Rentner.

Iwan sagt, dass etwa 30 Männer den Club schon einmal besucht haben, mehr als 15 seien noch nie gleichzeitig da gewesen. Heute sind wir 16 Tänzer.

Wir bilden einen Kreis. Iwan bittet alle, sich vorzustellen und kurz mitzuteilen, wie sie sich fühlen. Manche haben einen stressigen Arbeitstag hinter sich und wollen den Ärger wegtanzen. Manche sind aufgeregt. Ich bin vor allem neugierig.

Iwan beginnt mit Atemübungen. “Ich beruhige den Geist. Ich kontrolliere den Atem. Ich stütze den Himmel. Ich teile die Wolken. Ich lass die Sonne in mein Herz.” Zu jeder Atemübung gibt es Armbewegungen. Manche kennen die Übungen und sprechen die Texte des “Vorbeters” mit.

Es folgen Lockerungs- und Gymnastikübungen zum Aufwärmen und Dehnen der Muskulatur. Iwan achtet darauf, dass sich niemand über Gebühr verbiegt.

Dann endlich ist Tango. Iwan schaltet die Musikanlage ein. Das Programm ist bunt gemischt zwischen klassischen Tangoaufnahmen und modernen Neo- oder Non-Tangos.

Iwan lässt uns im Kreis gehen. “Gehen ist die Basis des Tangos”, sagt er. Die linke Schulter muss zurückgenommen werden, wenn das linke Bein nach vorne geht. Das berühmte “Contra Body Movement”, das eigentlich ganz natürlich ist und doch so kompliziert, wenn man darüber nachdenkt. “Ihr könnt es euch auch andersrum merken, die rechte Schulter muss nach vorne, wenn das linke Bein nach vorne geht. Und umgekehrt.”

Die Männer bilden Paare. Übungstanzhaltung. Gemeinsames Gehen. Die Rollen wechseln. Führen und Folgen. Man merkt, dass nur wenige Männer geübt darin sind, die Rolle der Folgenden einzunehmen, mich eingeschlossen.

Iwan erklärt, korrigiert, tanzt mit uns. “Wer führt, muss mit viel Energie führen. Energie, die vor allem aus der Hüfte kommen muss.”

Workout bei den Tangochicos, im Hintergrund die Bar
Die Paare wechseln. Die Tanzergebnisse werden besser. Nach gut zwei Stunden geht das Training in die Schlussphase. Iwan lässt Rhythmus-Übungen machen. Schreien. Klatschen. Aufstampfen. Es folgen noch einmal die Atemübungen vom Beginn.

Wir fassen uns an den Schultern wie eine Fußballmannschaft nach dem Spiel, wir atmen gemeinsam ein und aus, lassen beim Ausatmen einen tiefen Ton erklingen (es ist unglaublich, wie lange einige ausatmen können), wir lassen final den Ton beim Ausatmen ansteigen und enden in einem gemeinsamen Aufschrei.

Iwan appelliert, dass wir auch außerhalb dieses Männer-Clubs freundlich miteinander umgehen sollten. Schön wäre es, wenn wir uns begrüßen würden, wenn wir uns auf anderen Tango-Veranstaltungen begeben. “Aloha” sei der Gruß, den die Tangochicos vereinbart hätten.

In Köln ist “Aloha” der Gruß der Schwulenszene. Ich habe keine Ahnung, wie die sexuelle Orientierung der anwesenden Tangochicos ist. Ist aber auch egal.

Vor der Männer-Milonga, die jeden Montagabend in der Tango-Werkstatt abschließt, mache ich ein “Beweis-Foto” mit Iwan. Er fragt, ob ich noch einmal wiederkommen würde. Ich sage: “Ja, gut möglich. Es hat Spaß gemacht.”

Mit Iwan Harlan bei den Tangochicos

Dass Männer mit Männern Tango-Schritte üben, war in der Entstehungszeit des Tango vor gut 100 Jahren in Buenos Aires und Montevideo üblich. Siehe dazu meinen Artikel “Als Tango noch proletarisch war”. Iwan Harlan hat diesen Beitrag gesehen und mich in einem Kommentar auf seine “Tangochicos” aufmerksam gemacht.

Ich zitiere noch einmal seine Website:

Die Wurzeln des Tango, das waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts die vielen Männer, Emigranten aus ganz Europa und befreite Sklaven aus der Karibik, die sich in Buenos Aires sammelten. Denen fehlten eine gemeinsame Sprache und ihre Frauen.

Tanzen war eine Kommunikation ohne Worte, ein Zeitvertreib und ein Weg, um um die wenigen Frauen zu wetteifern. Die Männer trainierten untereinander, lernten auch in der folgenden Rolle zuzuhören, wurden besser und so stiegen die Chancen auf einen Tanz mit einer Dame. Wer richtig gut war, war ein “Macho”, für die Argentinier jemand, der wirklich was drauf hat. Etwas Positives!

In der Gegenwart kann der Frauenüberschuss uns Männer leicht faul machen. Wir müssen uns nicht mehr beweisen, um eine Tanzpartnerin zu finden. So viele Frauen möchten gern tanzen und wir werden kritiklos akzeptiert! Das ist für die Frauen traurig und für uns schade, denn zu lernen, besser zu werden, sich zu messen, macht Spaß …

Ich habe selbst die Erfahrung machen dürfen, regelmäßig mit einem Mann zu trainieren. Das hat … meinen Tanz, vor allem meine Führungsqualitäten, erheblich verfeinert.

Zudem hat mich ein Männerclub schon immer fasziniert. Ich habe eine Vision davon und bin dennoch gespannt, wie sich diese Idee entwickelt.

Info: Tangochicos.com,
Tangochicos bei Charmeur Motorcycles – Men only!
Rheydter Strasse 36
41065 Mönchengladbach

Veröffentlicht in Blog

2 Kommentare

  1. Ingo

    Und komm wieder, Edgar. Lachen üben 😄

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