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Der große Führer muss abspecken

Ich bin vermutlich der einzige Mensch auf diesem Planeten, der den “Großen Milonga-Führer” und seine “noch größeren” Nachfolger gleich dreimal gekauft hat, zweimal in Buchform, einmal elektronisch.

2010 erschien die erste Version des Buches von Gerhard Riedl: “Der große Milonga-Führer – Was Sie schon immer über Tango wissen wollten, aber nie zu fragen wagten”.

Ich habe damals, am Anfang meiner persönlichen Tango-Erfahrung, das Werk mit einigem Vergnügen gelesen. Ich fand interessante Informationen über den Tanz, die Musik, die Szene und ihre Haupt-und Nebendarsteller. Ich habe mich aber auch über den Autor amüsiert, seine sehr ausführliche Selbstdarstellung und seine sehr eigensinnige Sicht auf Dinge des Tango, die ich nicht teilen konnte. Aber man muss ja nicht alles glauben, was man liest.

Als ich mit meinem Tango-Blog “abrazos” begann, war klar, dass ich auch den “Großen Führer” besprechen würde. Und weil das Internet ja alles weiß und sogar Gedanken lesen kann, bekam ich passenderweise auf Facebook eine Anzeige zu sehen, die die 2. Auflage des “noch größeren” Führers anpries.

Die neue Version heißt “Der noch größere Milonga-Führer – Ein amüsant-satirischer Ratgeber zum argentinischen Tango”, erstmals erschienen 2013, aktualisiert 2016. Geändert haben sich nicht nur Titel und Untertitel, sondern auch Cover und Format. Also 22,90 Euro investiert und die “völlige Neufassung” gekauft.

In den letzten zehn Tagen habe ich die “2. Auflage!” (man beachte das Ausrufezeichen) gründlich gelesen, aber das Lese-Vergnügen war getrübt. Wie kann das sein, wo doch viele alte Nutzwert-Inhalte erhalten geblieben sind? Wieso war die Lektüre diesmal weniger amüsant, ja sogar ärgerlich?

Also noch einmal zurück an den Anfang des Buches.

Riedl hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er im Hauptberuf Gymnasial-Lehrer war. Im “noch größeren Milonga-Führer” spielt er bedauerlicherweise den Ober-Lehrer, der alles noch besser weiß und seinen Lesern wenig zutraut.

Schauen Sie sich den neuen Untertitel an: “Ein amüsant-satirischer Ratgeber”. Amüsant-satirisch? Findet der Autor das Buch so schlecht, dass er vorne draufschreiben muss, wie amüsant und satirisch es ist?

Im Innern kommt’s schlimmer. Riedl preist als eine Errungenschaft der Neufassung an, dass er Teile des Textes mit grauem Hintergrund unterlegt habe, wo seine Einlassungen stets besonders subjektiv ausfielen. Und weil das für den dummen Leser offensichtlich noch nicht ausreichend ist, setzt er fett vor den Text im grauen Kasten Hinweise wie “Satire”, “Merke”, “Werbeeinblendung”, “Fazit”, “Anekdotisches”, “Tipp”, “Glosse” oder “Warnung”.

Mich nervt so etwas. Ich bin im Hauptberuf Journalist und Schriftsteller, und da gilt die Maxime: Show, don’t tell. In diesem Sinne verstößt Gerhard Riedl permanent gegen das gute Schreiben.

Das neue Buch hat eine weitere Schwäche. War im Original von 2010 die Einleitung schon lang, setzt Riedl diesmal noch ein Vorwort und drei Kapitel zur Neufassung vor die Einleitung.

In diesen Vorkapiteln macht er sein erstes Buch schlecht, er entschuldigt sich sogar “für das bescheidene Aussehen der ersten Fassung”, aber “nun haben wir uns sehr viel Mühe gegeben, die Scharte mit der … Neuaufmachung auszuwetzen!” (Man beachte wieder das Ausrufezeichen).

“Sehr viel Mühe gegeben”, jeder, der mal in der freien Wirtschaft Zeugnisse erstellt hat, weiß, dass es sich um eine schlechte Note handelt.

Man erfährt, dass Riedl das erste Buch in einem Druckkostenzuschussverlag herausgegeben hat, also alles auf eigene Kosten hat produzieren lassen. Das neue Buch ist bei “BoD – Books on Demand” erschienen, auch eine Self-Publishing-Plattform, nur größer. Beides ist nicht verwerflich, aber warum zieht er dann über seinen ersten “Verlag” so her?

Er lobt, er habe jetzt auch eine Illustratorin gefunden, “die mir nicht die üblichen Tangobilder lieferte (so in Richtung ‘Faszination der Erotik’), sondern die all das beinhalten, was diesen Tanz für mich ausmacht: die Balance zwischen Abstand und Nähe, Schwere und Leichtigkeit, tiefem Ernst und bissiger Komik.” Ein Beispiel ist auf dem neuen Cover zu sehen. Mein Geschmack ist das nicht.

In den Vorkapiteln setzt sich Riedl außerdem intensiv mit den zahlreichen Kritikern und den Internet-Trollen auseinander, die sein erstes Werk in Grund und Boden geschrieben haben. Leider keift er im selben beleidigten oder verletzenden Troll-Ton zurück. Das will ich nicht lesen. Das verdirbt einem die Lust auf die weitere Lektüre.

Riedl verteidigt sich unter anderem damit, dass doch etwa die Hälfte seines Buches konkrete Information enthielten und nur die andere Hälfte “gewollte” Satire sei. Mit den neuen Vorkapiteln hat er diese Bilanz leider weiter in die falsche Richtung verschoben.

Eine letzte Anmerkung zum “lustigen” Teil. Manches, das Riedl für Satire hält, sind einfach dumme bis peinliche Witzchen. Nach dem Satz “Früher hatten Tangolehrer halt noch eine richtige Ausbildung!” folgt fettgedruckt:

Frage: Was ist ein Ocho?
Antwort: Zweimal Hartz IV …

Was darf der interessierte Leser im Ratgeber-Teil erwarten?

Riedl plädiert eindringlich dafür, mehr zu tanzen und weniger Unterricht zu nehmen. Der erste Rat ist sicher richtig, der zweite mindestens zweifelhaft.

Riedl muss viele Erfahrungen mit schlechten Lehrern gemacht haben, ich habe – fast – nur gute Erfahrungen gemacht, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Argentinien. Mein Rat ist deshalb: Viel tanzen, ja, aber auch regelmäßig Unterricht nehmen. Ideal sind etwa Prácticas direkt vor einer Milonga, da lernt man nicht nur neue Bewegungen, sondern macht auch Bekanntschaft mit anderen Tangueras und Tangueros, mit denen man auf der anschließenden Milonga tanzen könnte.

Riedl hat eine Art Buenos-Aires-Trauma, obwohl er laut eigener Auskunft noch nicht in der argentinischen Hauptstadt war. Man muss nicht am Rio de la Plata gewesen sein, um sich mit Tango zu beschäftigen. Aber Buenos Aires nicht zu kennen, gibt einem auch nicht das Recht, über die Stadt und die Maestros vom “Rio de la Plattitüde” (Riedl-Sprech) herzuziehen.

Riedl stellt in der Neuauflage fest, dass sich manches, das er im ersten Buch noch beklagt habe, zum Besseren verändert habe. Oft hält er diese Veränderungen für eine Folge seiner Kritik. Da überschätzt er sich. Man könnte sagen, dass er inzwischen dazugelernt hat, dass er gemerkt hat, dass die Tango-Szene nicht so einfältig ist, wie er sie karikiert hat.

Gerhard Riedl schreibt, dass er auf mehr als 3000 Milongas getanzt hat. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sein Blick auf die Szene sehr persönlich eingetrübt ist. Er schreibt:

“Ich glaube nicht, dass in Deutschland mehr als zwei Dutzend Leute wirklich vom Tango leben können – und wenn, dann durch das Veranstalten von Kursen, Festivals und Tangoreisen, da hier das Geld lockerer sitzt als bei Milongas!” (Man beachte das Ausrufezeichen)

Wieso sollte das Veranstalten von Kursen, Festivals und Tangoreisen nicht zum Broterwerb von Tango-Lehrern dazugehören? Das ist deren Kerngeschäft. Milongas sind doch zum Tanzen und nicht zum Üben da. Ein Autor lebt auch nicht nur vom Schreiben seiner Bücher, sondern von Lesungen, Vorträgen, Unterricht.

Ist das jetzt ein Totalverriss? Höchstens ein halber, würde ich sagen und mich dabei des Riedl’schen Tricks bedienen, dass die Hälfte doch ganz informativ wäre.

Sein kritischer Blick auf manche Erscheinungen der Tango-Szene ist völlig berechtigt. Es gibt dort wirklich die schrägsten Typen, ihn und mich eingeschlossen. Insofern ist das Buch hilfreich. Bevor ich in den Tango-Dschungel gehe, kann es nicht schaden, über die geheimnisvollen Geschöpfe der Wildnis informiert zu sein.

Bevor die großen Tango-Führer entstanden, hatte Riedl einen kleinen Milonga-Ratgeber geschrieben, den er an Freunde und Bekannte verschenkte. Vielleicht sollte er in einer dritten Version zurück zu diesen Wurzeln gehen. Der “noch größere Milonga-Führer” muss abspecken. Raus mit der Auseinandersetzung mit den Internet-Trollen. Weniger “Satire”, und wenn schon, dann weniger Satire-Belehrungen und Ausrufezeichen. Witze, die man erklären muss, sind keine.

Dann blieben rund 200 Seiten. Dann wäre der “Milonga-Führer” immer noch ein Werk, das in dieser Art auf dem deutschsprachigen Markt fehlte. Und wenn man es für die Hälfte des jetzigen Preises anbieten könnte, bekäme es von mir vielleicht sogar fünf Sterne. Die jetzige Fassung ist mir drei Sterne wert.

P.S.: Damit Sie nicht gleich am Anfang die Lust verlieren, beginnen Sie am besten erst auf Seite 110 mit der Lektüre: “Wir suchen uns einen vernünftigen Tangounterricht”.

Veröffentlicht in Blog

2 Kommentare

  1. […] macht glücklich” ist so etwas wie das weibliche Gegenstück zu Gerhard Riedls “Milonga-Führer”, wobei Susanne Köb ihr Werk eindeutig als “Sachbuch” versteht und sich mit […]

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